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Direkt unnesch Büde - Eine Heimatreise anhand Kottenheimer Lieder

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Hallo!

Ich bin Johannes Heuft und komme aus Kottenheim, einem Dorf im nördlichen Rheinland-Pfalz im Kreis Mayen-Koblenz. Ich bin hier groß geworden und habe mein Leben lang, mit Ausnahme meiner Studienzeit, hier gelebt. Als angehender Musikjournalist habe ich mir die Frage gestellt, was sind eigentlich Heimatlieder? Wenn man hier in Kottenheim und Umgebung auf Partys ist, kann jeder die kölschen Karnevalslieder mitsingen, aber Köln ist eine Autostunde entfernt. Gibt es also auch Lieder hier aus Kottenheim? Ja! Die gibt es. In meiner Generation (ich bin 24 Jahre alt), kennt sie nur fast keiner mehr.

Das hängt auch damit zusammen, dass die Lieder im örtlichen Dialekt verfasst sind, dem Kotteme Platt. Die jungen Menschen können diese Sprache aber nicht richtig sprechen. Die letzte Generation, die diese Sprache vernünftig beherrscht, ist die meiner Oma. Die fehlenden Sprachkenntnisse nagen auch an mir: Die Kottenheimer pilgern jedes Jahr nach Bornhofen am Rhein zur schmerzhaften Muttergottes. Bei dieser Wallfahrt wird an einer Stelle der Rosenkranz ausgesetzt und Kotteme Lieder gesungen. Ich erwische mich leider jedes Mal dabei, dass ich die Lieder nicht kenne und weder mitsingen, noch mitlesen kann.

Anreiz genug, sich die Lieder mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Dazu möchte ich anhand der Kottenheimer Lieder eine Reise durch das schöne Kottenheim machen und euch gerne mitnehmen.  
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Damit ihr auch wisst, mit wem ihr zusammen Kottenheim bereist, seht ihr hier eine optische Darstellung meinerseits.

Um sicher ans Ziel der Reise zu gelangen, gebe ich euch ein paar nützliche Bedientipps an die Hand für die folgenden Seiten:

-Grundsätzlich kommt ihr auf die nächste Seite immer, wenn ihr runterscrollt.

 -Das Hauptmenü ist ein Luftbild Kottenheims. Mit dieser Karte könnt ihr verschiedene Orte Kottenheims bereisen. Dazu klickt ihr die jeweiligen Kreise an. Pro Ort ist ein Lied zugewiesen. Zuerst seht und hört ihr dort die Lieder, die Liedtexte + Übersetzungen und Analysen und Gespräche mit Interviewpartnern zu den Liedern, dann folgt die Geschichte des Ortes mit Texten, Bildern, Videos und Audios.

-Die Konsumierungsreihenfolge ist in der Regel Text lesen, dann Audios hören/ Videos anschauen. Ausnahme: die Lieder selbst erscheinen immer auf der ersten Seite eines Kapitels, die könnt ihr auch Anhören, bevor ihr den Text lest.
 
-Seid ihr mit einem Ort fertig, so gelangt ihr wieder zurück zur Karte und könnt zum nächsten Ort reisen.

-Hotspots: Einige Seiten sind als sogenannte Hotspots angelegt. Das sind die Seiten mit den anklickbaren Kreisen. Die Kreise sind durchnummeriert. Es macht also Sinn, die Kreise in der richtigen Reihenfolge anzuklicken.

-Nicht erschrecken: Alle Interviewpartner haben mir das Du angeboten.

-Triggerwarnung: Diese Pageflow enthält Spuren von rheinischem Humor und Dialekt.
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Loss mer de Büde stohn

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Der Büden. Er thront über Kottenheim, er wacht und schützt. Der Büden, entstanden aus einem erloschenen Vulkan, prägt das Bild Kottenheims, und das der Bewohner. Bei einigen Ortsansässigen gilt er heute noch als eine Art Schutzpatron, der das schlechte Wetter abhält, es im unbeliebten Nachbarort Ettringen festsetzt und auf Kottenheim aufpasst. Doch die Basaltindustrie oder vielmehr der Raubbau machen auch vor solchen Wahrzeichen nicht halt. Von der Rückseite des Büdens, von Ettringen, grub die Firma Caspar immer mehr ab.

Bei den Kottenheimern machte sich die Angst breit, Teile des Büdens könnten abrutschen, zumal Caspar weitergrub, als er durfte. Mehrmals wurde versucht, die Angelegenheit zu klären, mit keinem Erfolg.

Sogar der damalige Verbandsgemeindebürgermeister versuchte das Problem mit Caspar zu klären. Dieser drohte ihm mit seinem Hund und schließlich musste sogar die Polizei eingeschaltet werden. Caspar hatte sich immer wieder durchgesetzt, keiner legte ihm das Handwerk. 
Zeit für Karl Gautsche, Kottenheimer Karnevalist, ein Protestlied in närrischem Rahmen auf die Bühne zu bringen. 


Das Lied könnt ihr euch anhören, wenn ihr unten auf den Playbutton klickt. Eine Aufnahme des Liedes existiert nicht, daher hat es mir Karl kurzerhand vorgesungen. 

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Übersetzung Loßt mir de Büde stohn

Karls Originaltext im heimischen Dialekt verfasst und vor Publikum auf den Karnevalssitzungen 1993 vorgetragen
Karls Originaltext im heimischen Dialekt verfasst und vor Publikum auf den Karnevalssitzungen 1993 vorgetragen
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1. Strophe:
Meine Frau sagt lieber Schatzemann,
lass uns auf den Büden (Kottenheimer Berg) gehen,
der muss doch nicht mehr alle Tassen im Schrank haben,
da kann man nicht mehr stehen.
Der Maulwurf, der dahinten wühlt
hat Narrenfreiheit jetzt,
denn der fällt, das ist wirklich blöd,
in das Artenschutzgesetz.

Refrain:
Lasst mir den Büden stehen,
der treu und brav,
seit Jahren auf uns schaut,
von oben herab. Da hat der Opa schon ganz aufgeregt, der Oma als sie noch jung war, die große Welt gezeigt, der Oma als sie noch jung war die große Welt gezeigt.

2.Strophe: So mancher hat, wenn es mondhell war sein Herz auf dem Büden verloren, dann wurde dem Gipfelstürmer klar, was er für ein Mondjeck war. Es ist nicht alles Gold was glänzt, mein Lieber glaube mir, aber auch nicht alles Geld/Gold??? was stinkt, was kann der Berg dafür?
Refrain: Lasst mir den Büden stehen...

3. Strophe: Mancher Ort, der romantisch war, beim ersten Treueschwur, würde/wurde??? aus Profitgier plattgemacht und so stirbt die Natur. Das Brett vor dem Kopf muss Teakholz sein, wie lange geht das noch gut, wir haben doch nur die eine Welt, bewahre sie dir???

Refrain: Lasst mir den Büden stehen...






Dummerweise und für Karl unverständlicherweise (er hat bewusst nie irgendeinen Namen im Lied genannt) wurde er eine Woche nach dem Liedvortrag von "Loßt mir de Büde stohn" von einem von Grubenbesitzer Caspars vielen Anwälten angezeigt, dem Kottenheimer Anwalt und späteren Staatssekretär Karl Elzer, der später noch einmal erwähnt werden soll. Die Anzeige seht ihr, wenn ihr runterscrollt.



Karls Originaltext im heimischen Dialekt verfasst und vor Publikum auf den Karnevalssitzungen 1993 vorgetragen
Karls Originaltext im heimischen Dialekt verfasst und vor Publikum auf den Karnevalssitzungen 1993 vorgetragen
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Ich treffe mich zum Gespräch mit Karl bei ihm zuhause, er bietet mir das Du an, weshalb ich ihn in den Texten meist mit "Karl" benenne. 
Erst im Gespräch erfahre ich von Karl von diesem Lied und den damit verbundenen Konsequenzen. Es ist nicht im Kottenheimer Liederbuch drin. 
Karl erzählt mir, dass er früher oft und gerne am und auf dem Büden spazieren gegangen ist und ein Notizblöckchen dabei hatte, um Ideen aufzuschreiben, zum Beispiel für seine Lieder. Der Blick vom Büden herab in die Grube Caspar macht ihn traurig. Er ist besorgt um den Büden.

Aber wie kam Karl darauf, "Loßt mir de Büde stohn" zu schreiben?
Karl erklärt es mir, hört gerne rein:

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1. Anzeige ist raus!

Es blieb nicht beim bloßen wütend sein und auch nicht beim komponieren des Stückes, er trug es auch vor. Und zwar acht mal - auf den Karnevalssitzungen. Das Lied war ein Erfolg, die Leute lachten. Caspar, der sogenannte Maulwurf, konnte darüber nicht lachen und zeigte Karl kurzerhand an, obwohl er nicht mal bei den Sitzungen dabei war und Karl auch nicht kannte.

2. "Hier kommt dein Freund!" - Karl trifft Caspar

Karl Elzer, das ist Caspars Anwalt gewesen, der Karl (Gautsche) angezeigt hatte. Aber nicht nur ihm lief Gautsche über den Weg, auch Alfred Caspar selbst traf er später:

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Caspar wollte anschließend mit Karl noch einen trinken gehen, Karl lehnte „dankend“ ab. Das Lied hatte für Caspar natürlich keinen Sinneswandel zur Folge. Erst als Stücke des Büdens herunterkamen wurde er einsichtig. Die Abbruchstelle wurde zugeschüttet, Ende gut, alles gut, könnte man denken. Nur mit was die Stelle zugekippt wurde, sollte man auch bedenken und hier tut sich der nächste Skandal auf, denn wir befinden uns hier in einem Wasserschutzgebiet.

Wir halten nochmal fest: Die Firma Caspar grub weiter als sie durfte und zwar absichtlich, um dann nach dem Abrutschen des Hanges sagen zu können, dass das Aufschütten mit unbelastetem Material und Sicherungsmaßnahmen zu aufwendig sei und es die beste Lösung sei, den Berg ganz abzutragen. Hierbei machte sich das Land Rheinland-Pfalz zum Mittäter, da das Bergamt trotz Hinweisen Caspar nicht Einhalt gebot, die vereinbarten Grenzen und Böschungen einzuhalten.

Das Spielchen ging munter weiter. Das Land schlug nun vor, das Wasserschutzgebiet am Büden aufzuheben, um die Grube mit belastetem Material auffüllen zu dürfen und eine Mülldeponie draus zu machen. Doch die Kottenheimer wehrten sich gegen die Abladung von belastetem Material, um ihr Trinkwasser und ihren Berg zu erhalten. Es wurde nun gesagt, dass das Material unbelastet sein muss, dummerweise fehlten Kontrollen.

So kam es, dass Abraummassen des Frankfurter U-Bahnbaus dort abgeladen wurden. Problem: Während in Hessen dieser Müll als Wirtschaftsgut galt, war es in Rheinland-Pfalz nach Landesrecht belastet.

Das Wasser aus diesem Gebiet, das sogenannte Flammbornwasser, hat mal 80% des Kottenheimer Trinkwassers ausgemacht. Heute fließt das Wasser einfach ungenutzt in den Heppesbach. Die Quelle wird nicht mehr benutzt, das Flammbornwasser darf nicht ins Netz eingespeist werden.

Loss mir de Büde stehen, er steht noch, auf der Hinterseite wieder, aber zu welchem Preis? Profitgier auf Kosten der Natur, dass kommt auch heute leider noch irgendwie sehr bekannt vor. Und so ist Karls Intention, „Loss mir de Büde stohn“ zu schreiben, aktueller denn je:  „Wir wollen die Welt noch etwas länger behalten.“
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Et äes mau off de Lay

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Übersetzung Et äes mau off de Lay

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1.Strophe:
Wenn man heute nach Wäenloft geht (Winnfeld, Teile des Grubenfelds), oder zu sonst einer Lay, keiner steht mehr im Geglöcks, das ist längst vorbei. Was hat man früher schwer scharriert, gearbeitet, zum Schutz gegen eine Staublunge hinterher manch Fäßchen geleert.

Refrain:
Und dann sagt der Vetter, das ist heute vorbei, es hält nichts für ewig und Kirmessen gehen vorüber. Doch meinem Kännchen, dem bleibe ich treu, erzähl mir keine Geschichten/keinen Blödsinn, es ist mau auf der Lay.

2.Stophe:
Hat man so wochenlang schwere Steine verrissen, kam der erste Montag dann was wurde gefressen. War das Tütchen freitags schmal, machte die Frau einen Aufstand, dann sagt der Papa wiedermal, es ist mau auf der Lay.

Refrain:
Und dann sagt der Vetter...

3.Strophe:
Wenn man 30, 40 Jahre in Wind und Wetter arbeitet, und im Herbst des Lebens sich zur Ruhe setzt, dann freut sich die Oma, ich fühle mich noch jung. Die zweite Jugend ist nun da, nun geht es los mit Schwung.

Refrain:
Und dann sagt der Vetter...
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1. Der Betrunkene im Pferdestall

In den Grubenfeldern wurde geackert bei Wind und Wetter. Der Basalt als knüppelharter Stein war auch nicht sonderlich entgegenkommend. Im Nachbarort Mendig, wo man den Basalt Untertage abbaute, lag die Lebenserwartung eines Layers (Bergmann/Grubenarbeiter) bei ca. 40 Jahren. Ganz so extrem war es im 19. Jahrhundert, der Blütezeit der Kottenheimer Basaltindustrie nicht, aber nicht desto trotz war die Arbeit in der Lay extrem entbehrend. Arbeitsschutz wie heute gab es in der Form natürlich auch nicht. Ein kühles Bier oder ein Kännchen Schnaps konnten Abhilfe schaffen.
Doch offensichtlich brauchte der ein oder andere besonders viele Arbeitsschutzsmaßnahmen und fand anschließend den Heimweg nicht mehr:

2. Blauer Montag

„Wie kommt das Pferd in die Küche?“ Das kommt im Eifer des Gefechts eben mal vor, dass man das heimische Bett um Haaresbreite verfehlt und mit fremden Pferdeställen verwechselt. Aber nicht nur nach der schweren Arbeit auf der Lay wurde einer getrunken, auch einmal im Monat am sogenannten Blauen Montag ließ man es krachen. Im Lied heißt es in Strophe zwei „Kam däe üschte Mondach dann bat wur jefräß.“ Für das leibliche Wohl wurde offensichtlich gesorgt:

3. De Uma

Immerhin ein fairer Deal. Nach den Jahren der harten Arbeit, freute sich dann auch „de Uma“ (siehe Strophe drei). Aber was hat die Oma denn damit zu tun?

4. Die Suppenkinder

Wobei so ganz agil war man nach der jahrelangen Layenarbeit mit Sicherheit nicht. Nun brauchten die Männer im Grubenfeld ja auch ein Mittagessen. Dieses wurde in der Regel von Kindern, den sogenannten Suppenkindern auf die Lay gebracht. Ich frage Karl, wie es zu seiner Jugend war.

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Diese Kännchen gab es in der Wirtschaft. Karl steht während unseres Gesprächs plötzlich auf und bringt mir ein solches Kännchen inklusive zugehörendem, dickwandigem Schnapsglas. Die Maßeinheit des Kännchens war 0,1 Liter. Kein Wunder, dass man sich nach ein paar Kännchen schonmal im Pferdestall verirrt hat.
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Das Graue Gold

Mit solchen Kränen zog man das Kapital in Steinform nach oben.
Mit solchen Kränen zog man das Kapital in Steinform nach oben.
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Seit mehreren tausend Jahren existiert der Basaltabbau in Kottenheim. Für den vorgeschichtlichen Menschen waren die aus dem Basalt gewonnenen Getreidereibsteine ein alltägliches Werkzeug, um das Korn für Brot- oder Breiherstellung zu zerkleinern. Die Römer reihten sich später ein, benutzten den Basalt für Mühlsteine, aber auch Werksteine. Im Mittelalter kam die Werksteinproduktion im Kottenheimer Winnfeld quasi völlig zum Erliegen, während der Bedarf an Mühlsteinen weiterhin groß war.

Doch den meisten Steinbedarf hatte man erst ein paar Jahrhunderte später im 19. Jahrhundert, vor allem in der Epoche der Gründerzeit. Durch den vermehrten Abbau auf dem Winnfeld wurden so auch die Abbauspuren längst vergangener Zeiten entdeckt. Das Weggraben der meterhohen Schutthalden legte so die alten Arbeitsstätten frei: die vorgeschichtlichen, die römischen und die fränkischen. Funde waren Basalthämmer, halbfertige Napoleonshüte, Mahlsteine, als ob die Gruben am Vortag noch benutzt worden wären. Eine Zeitung aus dem Jahr 1919 titulierte über die Funde: „Grube Jakob Pickel, 6m Tiefe vorrömischer Steinbruch, Zustand wie vor 2500 Jahre verlassen, aus 7.-8. Jhd. v.Chr.“ Selbstverständlich behielt der Kottenheimer den Basalt nicht für sich, sondern betrieb fleißig Handel. Dies belegt auch eine Quelle aus dem Jahre 1789: „ansehnlicher Handel mit (…) Rußland, Holland, England, Brandenburg und verschiedene nordische Länder“.

Der Stein wurde auf dem Landweg Richtung Rhein nach Andernach transportiert, um schließlich zum Hauptumschlagplatz befördert zu werden. Nur mit der Einwilligung der Kölner Handelsherren durfte der Stein in Andernach verladen werden. Noch heute ist die Verladestelle, der 1554 erbaute Kran, als Denkmal für die Basaltlava-Industrie in Andernach zu sehen. Zurück zur Gründerzeit, deren vorläufigen Höhepunkt das Jahr 1880 bildete. Die Nachfrage an Basalt war unglaublich hoch. Die Bevölkerung im Reich verdoppelte sich zwischen 1850-1900. Man brauchte Markthallen, Schulen, Verwaltungsgebäude, Krankenhäuser – einfach alles. Mit dem Anschluss ans Eisenbahnnetz 1880 war nun auch ein Abtransport in großen Mengen ins gesamte Land möglich. So verließen vor dem ersten Weltkrieg täglich bis zu 200 Waggons Kottenheim in Richtung Rhein.

 In Kottenheim gründeten sich nun viele neue Firmen, große und kleine. Der Basaltabbau war mittlerweile der wichtigste Wirtschaftsfaktor Kottenheims, weshalb die Landwirtschaft auf dem Winnfeld bereits Mitte des 19.Jahrhunderts aufgegeben wurde. Einhergehend mit dem Basaltaufschwung entwickelte sich eine wohlhabende Bürgerschicht. Der Wohlstand zeigt sich heute noch in den repräsentativen Bauten und dem städtebaulichen Erscheinungsbild der Gründerzeit. Die vorherrschenden Bauepochen hierbei waren vor allem Historismus, Reformstil und als Gegenbewegung der Jugendstil.
Mit solchen Kränen zog man das Kapital in Steinform nach oben.
Mit solchen Kränen zog man das Kapital in Steinform nach oben.
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Die Häuser der Gründerzeit bestehen  häufig aus der beliebten Kombination aus Basalt und Tuff. Das Blaue Eck, wie diese ehemalige Wirtschaft im Volksmund heißt, ist im Stil des Neobarocks gehalten. 
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Mays Eck ist ein Platz im Dorf. Hier wird auch der Maibaum des Dorfes aufgestellt und zwar direkt vor dem hier abgebildeten Haus, das zufällig die Behausung meiner Oma ist. Es wurde von meinem Ururgroßvater im Neorenaissancestil errichtet.
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Die Kirche in seiner heutigen baulichen Form mit dem Turm von Caspar Clemens.
Die Kirche in seiner heutigen baulichen Form mit dem Turm von Caspar Clemens.
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Die Hochzeit der Basaltindustrie in Kottenheim prägten, wie ich im Rahmen der Recherchearbeiten herausfand, drei mit mir verwandte Kottenheimer besonders. Diese möchte ich euch nun kurz vorstellen: 


Caspar Clemens Pickel 

Caspar Clemens Pickel war mein Urururgroßonkel (3x Ur) und einer der bedeutendsten Architekten seiner Zeit. 115 Monumentalbauten, davon 55 Pfarrkirchen und Kapellen, 26 Ordenskirchen und Klostergebäude tragen seine Handschrift. Auch seine, der Neogotik und Neoromanik verschriebenen Krankenhäuser, Schulen, Rathäuser sowie private Geschäfts- und Wohnhäuser, prägen heute noch das Bild von Städten und Gemeinden.

Seine Werke findet man deutschlandweit; vor allem in Nordrhein-Westfalen, darunter sieben Kirchen in Düsseldorf, Berlin, am Mittelrhein und in der Umgebung seiner Heimatgemeinde Kottenheim, wie zum Beispiel die Herz-Jesu-Kirche Mayen. Leider wurden viele seiner Sakralbauten im zweiten Weltkrieg zerstört. Seine steingewordenen Werke wurden entsprechend honoriert.

So durfte er sich über den Titel des königlichen Baurates, die Verleihung des Sylvesterordens durch Papst Leo XIII. sowie zahlreiche preußische Orden freuen. Eine Ordensverleihung wirkt dabei einem Loriot-Sketch sehr ähnlich: Die Verleihung des preußischen Kronenordnens 1903 bei der Einweihung der Hebammenanstalt in Wuppertal-Elberfeld.

Mit Sicherheit die mit Abstand größte Auszeichnung seines Schaffens ist der Ehrenbürgerbrief Kottenheims. Der Kirchturm in seiner jetzigen Form sowie diverse von seiner Hand geplanten Wohnhäuser verschönern noch heute das Antlitz des Dorfes.
Die Kirche in seiner heutigen baulichen Form mit dem Turm von Caspar Clemens.
Die Kirche in seiner heutigen baulichen Form mit dem Turm von Caspar Clemens.
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Der ehemalige Firmen- und Wohnsitz Jakob Pickels, das sogenannte Klösterchen. Sein Stiefsohn und Neffe Heinrich Pickel stellte das Haus später Vinzentinerinnen zur Verfügung, daher der Name Klösterchen.
Der ehemalige Firmen- und Wohnsitz Jakob Pickels, das sogenannte Klösterchen. Sein Stiefsohn und Neffe Heinrich Pickel stellte das Haus später Vinzentinerinnen zur Verfügung, daher der Name Klösterchen.
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Jakob Pickel (geb. 1858) war ebenso mein Urururonkel (3x Ur) und der Bruder von Casper Clemens Pickel. Bereits im jungen Alter von 33 übernahm er die Leitung der Firma seines anderen Bruders, die Basaltgruben verwaltete. Der Stein wurde ins ganze Deutsche Reich exportiert.

So zum Beispiel für Repräsentationsbauten jeglicher Art, für die sich die heimischen Natursteine besonders gut eigneten: Kirchen, Theater, Brückenbauten, Villen, Bahnhöfe, etc. Mit diesen Bauwerken warb die Firma auch 1905 in einer Werbebroschüre, unter anderem mit dem Hbf Hamburg, dem Rathaus Hannover oder dem Kgl. Eisenbahn-Zentral-Amt Berlin.

Die Produktpalette der Firma wurde um den Tuffstein erweitert. Dies führte zu dessen Bekanntwerdung im gesamten Deutschen Reich. Auch in Kottenheim haben Jakob Pickels Denkmäler der Blütezeit des grauen Golds einen festen Platz im Ortsbild, wie zum Beispiel das Klösterchen oder das Haus in der Bahnhofstraße 1, was ganz zufällig das Haus meiner Oma ist *zwinker*.
Der ehemalige Firmen- und Wohnsitz Jakob Pickels, das sogenannte Klösterchen. Sein Stiefsohn und Neffe Heinrich Pickel stellte das Haus später Vinzentinerinnen zur Verfügung, daher der Name Klösterchen.
Der ehemalige Firmen- und Wohnsitz Jakob Pickels, das sogenannte Klösterchen. Sein Stiefsohn und Neffe Heinrich Pickel stellte das Haus später Vinzentinerinnen zur Verfügung, daher der Name Klösterchen.
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Das Haus von Heinrich Pickel. Typisch für die Zeit  aus Tuff und Basalt gebaut.
Das Haus von Heinrich Pickel. Typisch für die Zeit aus Tuff und Basalt gebaut.
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Heinrich Alexius Pickel, genannt Burch Heinrich, ist mein Urur-Onkel. Er übernahm den Betrieb von Jakob im Jahre 1901. Mit dem Zerfall des Kaiserreichs hatte die Firma Pickel eine schwere Zeit zu überstehen. Die Nachfrage nach Basalt und Tuff schwand. Mit dem Zusammenschluss mehrerer Firmen unter der Leitung der Fa. Pickel zur TUBAG (Tuffstein- und Basalt AG) 1922 stellte man sich neu auf und erhoffte sich eine gesteigerte Leistungsfähigkeit.

Die TUBAG besaß, laut eigener Aussage, die wertvollsten Tuff- und Basaltvorkommen der Region. Bereits einige Jahre später fusionierte man mit der Trassindustrie und erweiterte das Angebot um Bims und Schaumlava sowie Trasszement, die man nun auf sämtlichen Ebenen des Bauwesens nutzen konnte: Monumentalbauten, Talsperren, Brücken- und Siedlungsbau, etc.

Neben der Firmenleitung bekleidete Burch Heinrich diverse Positionen in Ehrenämtern, unter anderem war er zweiter Vorsitzender des Deutschen Natursteinverbundes. Nach seinem Arbeitsleben ging er in die Politik und wurde Mitglied des rheinland-pfälzischen Landtages.
In der NS-Zeit bot er sich zwar auch den Nazis an, war Mitglied der NSDAP, nutzte seine Position aber gegen den Niedergang der Natursteinbranche und stellte sich so ein Stück weit in den „Dienst der Allgemeinheit“.

So wurde auch er Ehrenbürger Kottenheims, der zweite nach Caspar Clemens Pickel und war im Dorf als guter Ratgeber bekannt. Davon zeugt das geflügelte Wort „Ech schwätzen äs met Burch Heinrich.“
Das Haus von Heinrich Pickel. Typisch für die Zeit  aus Tuff und Basalt gebaut.
Das Haus von Heinrich Pickel. Typisch für die Zeit aus Tuff und Basalt gebaut.
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Um die Abbauprozesse besser verstehen zu können, treffe ich mich mit Robert Kamm. Er wuchs im Lüh auf, eine Gegend in der Nähe der alten Grubenfelder Kottenheims. Diese waren in seiner Kindheit sein Spielplatz. Sein Vater arbeitete zudem noch in der Natursteinindustrie. Robert führt mich durch die ehemalige Mondlandschaft, den heutigen Wald und klärt mich über die Themengebiete Vulkanismus, Basaltabbau und Handel mit dem Basalt auf.

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Die hohe Nachfrage nach Beton war schließlich das Todesurteil für die Basaltindustrie; die Gruben schlossen Ende der 50er reihenweise. Der letzte Grubenbetrieb Kottenheims stellte schließlich 1982 seinen Betrieb ein. 
 
Die Kräne und Anlagen waren nun sich selbst überlassen, verrotteten und nach und nach eroberte sich die Natur die graue Mondlandschaft zurück. Heute sind die alten Grubenfelder ein beliebtes Ausflugsziel für Kletterer aus ganz Deutschland. Wanderer kommen auf den Traumpfaden auf ihre Kosten und können währenddessen noch etwas über die Geschichte des Kottenheimer Basaltabbaus auf Schautafeln vor Ort lernen.

Mit der mehrere tausend Jahre alten Historie der Gruben und ihrem herausragenden Stellenwert als Kulturgut, befindet sich Kottenheim, gemeinsam mit den Nachbargemeinden und -städten Ettringen, Mendig und Mayen aktuell im Auswahlverfahren für den Titel „UNESCO-Weltkulturerbe“. Das Projekt trägt den Namen „Eifeler Mühlsteinrevier“. Vielleicht trägt meine Arbeit seinen Teil zum hoffentlich positiv ausfallenden Entscheidungsergebnis bei. Ganz bestimmt.
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Die Kotteme Streuobstwiesen

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Der Plan bei der Landkarte im Hauptmenü war, zu jedem Ort ein Lied zuzuordnen. Bei „Direkt unnesch Büde“ wird aber Kottenheims ganze Schönheit besungen. Paul benötigt hierfür nur drei Schlagworte, um im Prinzip fast alles was Kottenheim ausmacht, seine Geschichte zu beschreiben. Joete von Bääm, Büsch owedrüwe, Laye voll Stään.

Joete von Bääm, das ist der große Streuobstwiesengürtel um Kottenheim herum. Mit Laye voll Stään meint Komponist Paul die Basaltgruben im Wald und Büsch owedrüwe, das waren die hohen Bäume des Büdens, eine spezielle Kiefernart verrät Ursel, die es so heute auf dem Büden aber quasi nicht mehr gibt. Die Themengebiete Obstanbau, Steinabbau und die schöne Natur am Büden werden also aufgelistet.

Da ich pro Lied aber ja nur einen Ort herauspicken möchte, habe ich mich für Joete von Bääm, die Kottenheimer Streuobstwiesen entschieden. Doch bevor ich gleich mehr über den Obstanbau in Kottenheim erzähle, soll die Nationalhymne Kottenheims, „Direkt unnesch Büde“ nicht zu kurz kommen. Es entstand 1952 und wurde wie die meisten Lieder Pauls bei den Karnevalssitzungen vorgetragen, bei denen damals auch nachdenkliche Vorträge erwünscht waren.

Im Gespräch mit Ursel habe ich versucht, dem Lied und den Intentionen Pauls auf den Grund zu gehen. Den Stellenwert des Büdens für Kottenheimer habe ich bereits beim Kapitel „Loßt mir de Büde stohn“ beschrieben. Da liegt es auf der Hand, dass der Beschützer Kottenheims auch in Pauls Liedern Erwähnung findet. Direkt unnesch Büde ist das vermutlich bekannteste Kottenheimer Lied, sozusagen die Nationalhymne.

Vielleicht liegt das auch daran, dass die Melodie dem ein oder anderen bekannt vorkommen mag. Auch mir kam sie bekannt vor. Ich habe danach gesucht und bin fündig geworden: Die Melodie des Refrains hat Paul bei Schuberts Impromtu As-Dur abgeschaut. Wenn ihr runterscrollt, gelangt ihr zum angesprochenen Schubert Impromptu.

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Takt 1 bis zum Wiederholungszeichen in Takt 16 hat Paul für den Refrain von Direkt unnesch Büde übernommen. Unten links ist der Playbutton zum Anhören von Schubert. Dazu habe ich mich ans Klavier gesetzt und exklusiv diese Aufnahme für euch gemacht.

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Übersetzung Direkt unnesch Büde

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1.Strophe:
Als der Herrgott vor Jahren die Welt geschaffen hat, da sagt er sich selbst, das ist fein gemacht. Aber das heimeligste Plätzchen, das sagen wir uns doch, das liegt zwischen Eifel und Rhein in einem Loch.

Refrain:
Direkt unter dem Büden in einem Garten von Bäumen, mit Büschen obendrüber und Layen voller Steine, wo das Tal am tiefsten ist, liegt ein Dörfchen so klein, das ist uns das Liebste, da sind wir daheim/zuhause.

2.Strophe:
Wir sind in der Welt hier schon soviel gereist; auf der Krim und auf Capri da sind wir gewesen. In Paris manche Nacht um die Ohren geschlagen, was waren wir so froh als wir heim gehen konnten.

Refrain:
Direkt unter dem Büden...

3.Strophe:
Und hält uns im Himmel der Petrus an und fragt dann: „Ihr Kottenheimer wie gefällt es euch denn?“ Dann sagen wir: „Der Himmel - der ist ja ganz schön, doch wir haben im Leben schon Schöneres gesehen.“

Refrain:
Direkt unter dem Büden...
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1. "Wie ein Schäfer mit seiner Weide"

Nun zum Text: Im Refrain heißt es: Joete von Bääm, Büsch owedrüwe, Laye voll Stään. Nicht nur aus historischer Sicht bietet sich die Aufzählung dieser Orte an. Denn alle drei Orte umgeben Kottenheim, man kann dort den wunderbaren Ausblick aufs Dorf genießen.

2. Heimatsehnsucht

Kuhle also, oder wie Paul schreibt: „zwöschen Ääfel und Rhein äen em Loch“, zwischen Rhein und Eifel in einem Loch. Das ist tatsächlich auch die korrekte geographische Beschreibung Kottenheims, denn Kottenheim liegt weder am Rhein, noch in der Eifel, wie häufig fälschlicherweise angenommen wird. Wenn man sich das Lied anschaut, merkt man schnell, dass aus Paul eine gewisse Heimatsehnsucht spricht. Das zeigt auch Pauls Wortwahl im Liedtext. Z.B. „et häämlechste Plätzje“, das gemütlichste, heimeligste Örtchen, wo man sich wohlfühlt und sich einkuscheln kann und wohlbehütet ist. Doch woher rührte diese Heimatsehnsucht? Schuld war der 2.Weltkrieg, der ihm die Schönheit Kottenheims vor Augen führte. Paul war eine gute Zeit weg, da er in den Krieg gezogen war und kam dabei gut herum: Paris, die Krim usw.

4. Existiert der Himmel?

Die Lieder waren mit Ausnahme des Kröppelchesliedes keine Auftragskompositionen, Paul schrieb sie niemandem zum Wohlgefallen. Ursel bestätigt das. Jedes Wort ist wirklich Pauls Wort, er atmet durch den Text quasi. Auch Wunschgedanken, seinen inneren Glaubenskampf und womöglich auch den Krieg verarbeitet er im Text. Dafür bedient er sich seinem „Lieblingsmotiv“ – der Kotteme bei Petrus an der Himmelspforte, hier in der dritten Strophe zu sehen:

5. Kottenheim - Das Paradies auf Erden

Man muss ja auch sagen, wenn man im Diesseits schon im Garten Eden Kottenheim gelebt hat, dann kann man womöglich auch getrost auf das jenseitige Paradies verzichten. Blühende Landschaften, Apfelbäume, was will man mehr. Auch Paul wusste das zu schätzen, pflückte eifrig Nüsse und Obst in den „Joete von Bääm“, die es nach wie vor rund um Kottenheim gibt, und die es zu erhalten gilt. Hierum kümmert sich federführend der Kotteme Streuobstwiesenverein. Über die Aufgaben und das kulturelle Erbe des Obstanbaus in Kottenheim habe ich mich mit dem Vorsitzenden des Vereins, Prof. Dr. Andreas Hesse unterhalten. Auf der nächsten Seite könnt ihr dazu einige Videoschnipsel anklicken.

3. Paris und co. vs. Kottenheim

Im Krieg ist ihm also nochmal besonders bewusst geworden, wie schön es in Kottenheim ist und dass man das, wenn man dort ist, auch schätzen sollte. Grundsätzlich sind die in Strophe Zwei beschriebenen Orte Paris und co. ja schön, aber die Heimat kann eben nichts toppen. Auf Capri war Paul allerdings nie gewesen. Die Worte „jeräßt/gereist“, „jewääßt/gewesen“ sowie die Orte, die eher Urlaubsorte sind, lassen nicht unbedingt auf Pauls Kriegsvergangenheit schließen. Er nennt die fernen Orte auch nur, beschreibt sie mit keinem Wort. Wenn Paul zuhause war, wanderte er viel in der Natur rund um Kottenheim, aber auch generell in der Region, an der Ahr usw. Die Liebe zur Natur schlägt sich in seinen Liedern unverkennbar nieder.

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„Joete von Bääm“, das ist der Streuobstwiesengürtel rund um Kottenheim. 20 zusammenhängende Streuobstwiesen mit ca. 2500 Bäumen, das ist in Rheinland-Pfalz einzigartig. Doch Apfelbäume haben einen entscheidenden „Evolutionsfehler“. Sie überleben alleine nicht, müssen gepflegt werden und es müssen neue gepflanzt werden. Wenn jetzt auch noch externe Faktoren wie Mistelbefall, Verbuschung, verlorenes Wissen der Menschen über die Bäume und deren Pflege sowie die Ausweitung von Siedlungsflächen dazukommen, steht es schlecht um den Erhalt dieses Natur- und Kulturguts. Um diesen aufgezählten Punkten entgegenwirken zu können, gründete sich 2017 der „Kotteme Streuobstwiesen-Verein“. Heute hat er bereits knapp 500 Mitglieder und ist der drittgrößte Verein im Dorf. Mit dem Vorsitzenden Prof. Dr. Andreas Hesse treffe ich mich vor Ort in den Streuobstwiesen zum Gespräch. Er verrät mir, was sein Beweggrund war, sich für die Streuobstwiesen einzusetzen:

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So konnten schon 900 Bäume gepflegt, ca. 370 Bäume gepflanzt und 5500 qm Wildblumenwiese angelegt werden. Der Streuobstwiesen-Verein tritt allerdings nicht selbst als Besitzer von Streuobstflächen auf, sondern er unterstützt die Besitzer bei der Bewässerung und der Baumpflege. Idealerweise nach dem Credo Hilfe zur Selbsthilfe. Wer der Besitzer ist, spielt beim Einsatz des Vereins keine Rolle. Ob alten Menschen, die nicht mehr die körperliche Verfassung für die Baumpflege haben, geholfen wird, nicht in Kottenheim wohnenden Besitzer oder Kottenheimern mit wenig Zeit oder wenig Engagement, diese Frage stellt sich der Verein nicht. Schließlich steht das Ziel über möglichen Diskussionspunkten, der Erhalt der Streuobstwiesen. Andreas wird in unserem Gespräch nicht müde, den Stellenwert des Streuobstwiesengürtels für Kottenheim zu betonen:

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Es gilt Hebel anzusetzen, die auch langfristig wirken. Die Bäume sollen schließlich noch in mehreren Jahrzehnten stehen. Stichwort Nachhaltigkeit. Es wäre allerdings falsch, alles unter Naturschutz zu stellen, da sonst die Pflege und Bewirtschaftung der Bäume nicht mehr möglich wäre. Zum Einen wäre das eine Art Todesurteil für die Apfelbäume, zum Anderen sind Streuobstwiesen Natur- und Kulturgut zugleich. Nicht umsonst trägt der Streuobstwiesenanbau in Deutschland den Titel „immaterielles Erbe“. Dies ist allerdings ein Status ohne Konsequenz, der Verein bekommt leider keine Extragelder. Apropos Geld. Die Finanzierungssäulen heißen Sponsorengelder, Spenden und Fördergelder. Eine kluge und nachhaltige Finanzpolitik ist unerlässlich für den Verein, da die Zeiträume in denen für die Bäume gedacht werden muss einfach so groß sind. Gut, dass Andreas hauptberuflich Professor für BWL insbesondere Marketing ist. Ich frage ihn, was die Streuobstwiesen mit seinem Job zu tun haben.  

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Eine andere digitale „Spielerei“ ist die Erstellung des Streuobstwiesen-Games fürs Smartphone. Auch so funktioniert Jugendarbeit und Marketing. Fehlenden kreativen Einfallsreichtum kann man dem Verein schonmal nicht vorwerfen. So plakettierte man u.a. die Bäume mit QR-Codes, damit jeder direkt auf seinem Smartphone sehen kann, ob hier Obst gepflückt werden darf oder nicht. Selbstverständlich wartet der Kottenheimer nicht darauf, dass die Äpfel von alleine herunterfallen und vor sich hin faulen. Der Verein produziert aus den Kottenheimer Äpfeln, und zwar nur aus den Kottenheimer Äpfeln, den „Original Kotteme Appelsaft“ sowie Apfelbrand.

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Wie gehts weiter?

Wenn ihr genau hinseht, könnt ihr die weißes QR-Code Schildchen auf den Bäumen sehen (Bildvordergrund 2. Baum von rechts sowie der links angrenzende).
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Eine großindustrielle Produktion ist nicht angedacht, dafür sind die Ernten in Kottenheim zu alternierend, zumal der Verein ja auch keine „fremden“ Äpfel hinzukaufen möchte. Der Klimawandel gestaltet die Schwankungen der Apfelernten mit, und zwar nicht zum Guten. Die Dürreperioden schaden den Jungbäumen und der Schädlingsbefall wird stärker, zum Beispiel durch die Apfelgespinstmotte. Und so heißt es wohl auch in Zukunft: Bäumen helfen und neue pflanzen. Darauf erstmal ein Glas Kotteme Apfelsaft, Prost!
Wenn ihr genau hinseht, könnt ihr die weißes QR-Code Schildchen auf den Bäumen sehen (Bildvordergrund 2. Baum von rechts sowie der links angrenzende).
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Kotteme Platt

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Übersetzung Kotteme Platt

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1.Strophe:
Wer so durch die Welt fährt, mal hierhin mal dort, und überall hinhört und weiß was sie sagen, der weiß auch, dass alles was so geredet wird, egal ob in Moll oder Dur, klingt alles nicht so schön wie Kottenheimer Platt, darum sagt er sich selbst ins Ohr:

Refrain:
Das sagt sich doch so schön auf Kottenheimer Platt, unsere Sprache ist wie unser Basalt, sie klingt nicht zu weich und klingt nicht zu hart und ist nicht zu warm nicht zu kalt. Und wo man auch so in der Welt hinkommt, man fühlt sich doch immer alleine, bis einer auf Kottenheimer Platt etwas erzählt, dann weiß man, das kommt von zuhause.

2.Strophe:
„I love you!“, „Je vous aime,“ „et parlez moi d`amour“, so reden Franzosen und Engländer nur. „Ich hab dich so lieb!“ sagt der hochdeutsche Junge,
„I mog di!“ der bayrische Bua. Doch wir sagen der Liebsten - das klingt so bekannt: „Ech hän dech su jer!“ (Ich habe dich so gerne!) ins Ohr.

Refrain:
Das sagt sich doch so schön auf Kottenheimer Platt...

3.Strophe:
Es hat manch Kottenheimer die Welt bereist, und hat Kottenheimer Platt, wenn er heimkam vergessen. Er redet so geschwollen und so affektiert, nur Hochdeutsch gestreift und auch pur, als hätte er im Leben noch nie Platt gehört, dem Mann sagen wir ins Ohr:

Refrain: Das sagt sich doch so schön auf Kottenheimer Platt...

4.Strophe:
Und schlägt unsere (letzte) Stunde, seine grauen Haare und Bart, steht oben an der (Himmels-)Tür der Petrus und wartet, der sagt dann: „Ihr Lieben, das finde ich schön, ihr kommt in den Himmel mir nur, der Herrgott der freut sich, euch Kottenheimer zu sehn.“ Und dann sagen wir dem Petrus ins Ohr:

Refrain: Das sagt sich doch so schön auf Kottenheimer Platt...
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2. Basalt und Arroganz

Im Refrain schreibt Paul, Kotteme Platt sei wie unser Basalt. Dieser Vergleich beinhaltet sowohl Härte, als auch Temperatur. Ich habe mich gefragt, wie Paul auf diesen Vergleich kommt. „Basalt war überall gegenwärtig“ stellt Ursel fest. Paul erlebte die Zeit noch mit, in der der Basalt abgebaut wurde. Seine Familie war allerdings nicht im Grubenfeld beschäftigt. Trotzdem war er offenbar sehr stolz auf den heimischen Stein, das graue Gold. In Strophe Drei ist die Rede von Kottenheimern, die verreisten und die Welt sahen und Hochdeutsch sprachen, als sie wieder nach Kottenheim kamen, als könnten sie kein Platt und hätten noch nie davon gehört. Ihnen wird hiermit Affektiertheit und Arroganz vorgeworfen. Warum das so ist, versucht Ursel zu erklären:

3. Wir sind die Größten

Apropos Arroganz, auch den daheim gebliebenen Kottenheimer zeichnete eine Sache besonders aus, ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, Stolz, die Münchner Bayern haben das Credo „Mia san Mia“, Wir sind die Größten. So kommt der Kottenheimer in der letzten Strophe von „Kotteme Platt“ ans Himmelstor und trifft Petrus, den Wächter des Himmelstores. Petrus äußert, dass der Herrgott sich auf die Kottenheimer freut und die Kotteme „in den Himmel mir nur“ kommen, was Ursel so auffasst, dass es im Sinne von ausschließlich zu verstehen ist. Es ist also selbstverständlich, dass der Kottenheimer in den Himmel kommt, was auch sonst.

5. Memento mori

Sowohl der vorgehaltene Spiegel als auch Petrus, der Wächter des Himmelstores, sind bei Paul wiederkehrende Motive. Ob hier in „Kotteme Platt“, beim „Kröppelcheslied“ oder in „Direkt unnesch Büde“, in der jeweils letzten Strophe greift Paul auf den memento mori Gedanken zurück, könnte man sagen, und der vorlaute Kottenheimer steht vor dem Antlitz Petri. Aber warum immer wieder die Sterblichkeitserinnerung und warum immer wieder Petrus?

6. Abgesägt

Paul wollte ursprünglich auch ins Kloster und Mönch werden. Ob er dort für sich befriedigende Antworten für seinen inneren Glaubenskampf gefunden hätte, sei dahingestellt. Fakt ist, sein Glaube beschäftigte ihn sein Leben lang und löste auch starke Emotionen in ihm aus. Unter anderem auch Eifersucht:

4. Best Buddy Petrus, oder auch nicht…

Die Kotteme wagen es, dem Heiligen Petrus etwas ins Ohr zu flüstern, statt ehrfürchtig mit Abstand zu ihm zu reden, als würden sie sich bereits kennen. Es wirkt vertraut. Petrus redet allerdings auf Hochdeutsch, sodass die Kotteme ihn quasi berichtigen und ihm sagen, wie schön das Kotteme Platt ist. Dabei ist allerdings nicht gemeint, dass sie ihn aufrufen, dass er doch bitte auch Platt zu reden hat, meint Ursel. Das gibt es wohl auch nicht so oft, dass sich jemand herausnimmt, Petrus zu korrigieren. Paul wollte hiermit dem Kottenheimer einmal mehr den Spiegel vorhalten.

1. Paul Eultgen – kulturbeflissener Kottenheimer Komponist

Paul Eultgen, der Kottenheimer Liedermacher schlechthin, war eigentlich gar kein Kottenheimer. Er wuchs aber bei seinen Großeltern in Kottenheim auf, fühlte sich hier geliebt und hatte ein Stück weit Narrenfreiheit, durfte lesen was er wollte. Das tat er. Seine Bibel war Goethes Faust. Und auch sonst war er sehr kulturell gebildet, war ein Fan von Schubert, Brahms, Tschaikowski und spielte selbst Gitarre, Mandoline und Orgel. „Musik war seine Welt“, hält Ursel fest. Neben der Musik nannte ich eben bereits die Sprache in Literaturform, doch am wohlsten fühlte sich Paul im heimischen Dialekt, im Kotteme Platt, eine für ihn vollkommene Sprache. Während er noch Platt sprach, brachte er es Ursel nicht bei. Sie hat all ihre Dialektkenntnisse aus Pauls Liedern.

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Karte

Des Junkers letzte Bleibe

Vom Seelenheil und Schamkapsel

Loss mer de Büde stohn

Raubbau, beißende Hunde und Gerichtsprozesse

De Wingert

Weinbau und co. im alten Kottenheim

Kröbbelcheslied

Eine Hymne auf das Nationalgericht Kottenheims

Et äes mau off de Lay

Erinnerungen an die große Steinzeit

Kotteme Platt

Die Sprache der Kottenheimer

Die Kotteme Streuobstwiesen

Die besten Äppel der Welt

Der Ritter im Wald

Der Held der Kottenheimer - Warum nicht besungen?

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Fazit

Während meiner Heimatreise habe ich viele aufregende, lustige Anekdoten und informatives Hintergrundwissen sammeln dürfen. Zudem durfte ich vielen spannenden Kottenheimer Persönlichkeiten im Gespräch begegnen. Hierfür bin ich sehr dankbar.
 
Des Weiteren konnte ich die Frage lösen, ob ich ein echte Kotteme bin. Im Expertengespräch mit meiner Oma konnte ich mir bestätigen lassen, dass ich ein Kotteme bin. Zwar kein Erzkotteme, aber ein Kotteme, immerhin kein Kottenheimer. Das ist schonmal viel wert, ebenso wie ihre Worte „Dau bäes en janz normale Mönsch“.
 
Ich kann nach wie vor kein Kotteme Platt, aber die Lieder kann ich jetzt! Sie sind regelrechte Ohrwürmer geworden, ich hoffe bei euch auch! Die Lieder haben mir nochmal einen ganz anderen Zugang zu meiner Heimat gewährt. Um Paul Eultgen etwas abgewandelt zu zitieren: „Da säin isch daheim“.

Ich hoffe, dass ich mit dieser Webseite ein Stück weit dazu beitragen konnte, die Kottenheimer Lieder in einem dem digitalen Zeitalter passenden Rahmen in die heutige Zeit übersetzen zu können, umso die Lieder auch für nicht Kotteme-Platt Native Speaker zugänglich machen zu können.

Durch meine Arbeit an den Liedern haben sich weitere Ideen entwickelt. So möchte ich nach und nach Klaviernoten für die Lieder aufsetzen, da bis jetzt quasi nur Melodien zum Singen existieren. Mit einigen Mitwirkenden dieser Arbeit habe ich vereinbart, ein kleines Fest zu feiern, bei dem die Kotteme Lede gemeinsam gesungen werden. Vielleicht ergibt sich daraus ein neuer Feierkult und schon bald singen auch die jungen Menschen auf Partys nur noch Kotteme Lede!



      
Vielen Dank an alle, die mich bei dieser Arbeit, meiner Bachelorarbeit, unterstützt haben: Kottenheimer, Mendiger, Euskirchener, Karlsruher sowie die betreuenden Professoren Michael Wende und Peter Overbeck.
Ein besonderer Dank gilt den Interviewpartnern, für die tollen Gespräche, die geopferte Zeit und ihr entgegengebrachtes Vertrauen!
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Kröbbelcheslied

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Übersetzung Kröppelcheslied

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1.Strophe:
Mindestens sechsmal in der Woche und wenn es sein muss sonntags auch, denkt in Kottenheim jeder Mann an etwas Gutes aus der Pfanne. Wenn der Herbst so vor der Tür steht, ist die schönste Zeit dafür, dann singt jeder Kottenheimer Junge immer mit Begeisterung

Refrain: Kottenheimer Kröbbelche so knusprig und frisch, müssen mindestens jede Woche auf den Tisch. Kröbbelche sind das Kottenheimer Leibgericht, jedem, der sich nichts daraus macht, sagen wir klar und deutlich (vor den Bart), du bist nicht von Kottenheimer Art.

2.Strophe: Jeder kennt den Streich, wie der Mayener den Fuchs in einer Falle einfangen wollte und dafür ein Kröbbelche nahm (für die Falle). Am nächsten Morgen kam der Knall, hing ein Kottenheimer in der Falle. Dass das nicht gelogen war, das ist jedem Kottenheimer klar.

Refrain: Kottenheimer Kröbbelche...

3.Strophe: Wenn ein Mädchen fremd im Land ist und gerne einen Kottenheimer Mann haben will, ist ihre erste Pflicht zu lernen, wie man hier Kröbbelche macht. Wenn die Flitterei am Ende ist und die Hausfrau das nicht kennt, geht ein Kottenheimer immer fremd, denn er sagt sich immerhin

Refrain: Kottenheimer Kröbbelche...

4. Strophe Wenn der letzte Atemzug getan ist und wir alle gehen müssen und wenn dann ein Kottenheimer Mann an der Himmelspforte ankommt. Ehe der gute Petrus dann nur ein Wort reden kann, fragen wir höflich an, ist im Himmel auch eine Pfanne?

Refrain: Kottenheimer Kröbbelche...
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1. Auftragskomposition

Das Lied ist Mitte der 50er Jahre entstanden, verrät mir Ursel im Gespräch. Sie meint, es war keine Eigeninspiration Pauls gewesen, sondern eine Auftragskomposition für das Kröbbelchesfest, bei dem auch lustige Vorträge gehalten und Klamauk gemacht wurde. Das Kröbbelchesfest existiert seit 1952, insofern haut das mit Ursels Erinnerungen ganz gut hin. Bei der Entstehung der Lieder war Ursel noch ein Kind und natürlich wollte die Umwelt von ihr wissen, was ihr Vater als Nächstes komponiert.

2. Ein einziger Jux

Vor allem vor den Karnevalssitzungen waren die Leute sehr gespannt, was sie erwartete. Pauls Lieder sind nämlich in erster Linie für die Sitzungen komponiert worden, eben mit der Ausnahme des Kröppelcheslieds. Doch hat dieses Lied fast die karnevalistischsten Züge könnte man sagen, denn es ist eigentlich von vorne bis hinten irgenwie nicht ganz ernst gemeint, bis auf eine Stelle:

3. Jeden Tag Kröbbelche, auch im Himmel?

Der Jux zieht sich quasi durch das ganze Lied, wer kann schon sechsmal in der Woche + sonntags Kröbbelche essen, das schafft selbst ein Kotteme nicht. Er wäre auch viel zu gut gesittet um fremdzugehen wegen Kröbbelche und er wäre mit Sicherheit auch nicht so blöd, auf eine Falle eines Mayeners hereinzufallen. Das Ende des Refrains „dau bäes nie von richtje aale Kottme Oet“ (du bist nicht von Kottenheimer Art) klingt wie die Reichsacht innerhalb der Ortsgrenzen, wenn man keine Kröbbelche mag. Auch das ist ein Jux. Ebenso, dass es natürlich im Himmel für den Kottenheimer eine Pfanne geben muss, was auch sonst. Auf der Erde kann die aber nicht jeder bedienen. Ich befrage Ursel zur dritten Strophe, warum der Mann sich denn die Kröbbelche nicht selbst machen kann.

4. Petrus ist kein Kotteme

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bis heute noch nie Kröbbelche selbst gemacht habe und nach wie vor völlig unzeitgemäß auf meine Mutter oder meine Oma angewiesen bin. Oma ist aus Kottenheim, Mama nicht, daher sind ihre Kröbbelche womöglich „nicht Original“. Ich schätze mal, dass aus diesen Gründen im Himmel mit Sicherheit auch nicht Petrus die Pfanne benutzen dürfte. Ursel glaubt aber sowieso nicht daran, dass es im Himmel Kröbbelche gibt. Schade eigentlich, ich hatte mich schon gefreut.

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1. Kröbbelche, was ein Wort.

Erstmal zum Wort Kröbbelche: Johannes Schmitz, der das Buch „Esu schwätzen de Kotteme“ geschrieben hat, vermutet, dass es vom Wort Krüppel kommt. Das Kröbbelchen war also ein verkümmerter, verkrüppelter Döppekoche (rheinische Spezialität). Um sich dem Spott des Mayeners nicht aussetzen zu müssen, vermutet Schmitz, habe man die schreibweise von Krüppelchen in Kröbbelche umgewandelt. Ausgesprochen wird es trotzdem mit Doppel p – Kröppelche. Pauls Lied wird tatsächlich im Liedheft auch mit pp geschrieben. Eine andere Variante ist, das „Kröbbelche“ vom französischen „Crepes“ kommt, verrät mir Heinz Geisbüsch, der seit 1968 ununterbrochen bei jedem Kröbbelchesfest Hand anlegt und natürlich auch weiß, wie das Kultkartoffelfest entstanden ist:

2. "Ich hab die Wurst"

Das war natürlich nicht die einzige Frotzelei zwischen den Kottenheimern und den Mayenern (Mayen= Nachbarstadt Kottenheims, ca. 20000 Einwohner). Schmunzelnd erzählt Heinz vom prahlenden Mayener und vom Kottenheimer Öldunst.

3. Kartoffelwissenschaft

Genug Frotzeleien. Aber wie macht man denn die Kröbbelche beim Kröbbelchesfest? Einfach drauf losbacken geht natürlich nicht. Zwei bis Drei Wochen vor dem Kröbbelchesfest werden beim Landwirt verschiedene Kartoffelsorten von zwei Frauen nach den Kriterien eines Testbogens ausprobiert und Probe gebacken. Wie gut lässt sich die Kartoffel schälen? Wird sie über Nacht grau oder rot? Sind die gebackenen Kröbbelche goldgelb oder braunschwärzlich? All das muss beachtet werden. Wenn die Kartoffel nun feststeht, liefert der Landwirt in guten Jahren 120-140 Zentner Kartoffeln, die nun geschält werden müssen und zwar von Hand, denn nur so sind es original Kotteme Kröbbelche. Freitags beginnt das große Massenschälen und auch eine zweite Zutat, 14-16 Zentner italienische Großzwiebeln müssen geschält werden.

5. Der Blaue Montag

Bei mehreren Tausend hungrigen Mäulern am Tag kann das schonmal passieren. Heinz berechnet die Festbesucher übrigens rückwärts anhand der Kröbbelche: Wie viele Portionen Kröbbelche isst ein Besucher und wie viele Portionen Kröbbelche kann man aus einem Zentner Kartoffeln backen? So kommt man dann schnell auf mehrere Tausend Besucher pro Festtag. Wenn große Musikacts da sind, dann natürlich auch mehr, wie zum Beispiel beim Auftritt von Jürgen Drews, dem König von Mallorca. Entgegen des Arbeitsrhythmusses lassen es die Kottenheimer am letzten Festtag, einem Montag, nochmal richtig krachen. Und das Draufmachen zu Wochenbeginn hat Tradition in Kottenheim, wobei hingegen die Geburtsstunde des „Blauen Montags“ beim Kröbbelchesfest ein „dummer Zufall“ war:

6. Du magst Kröbbelche nicht???

Eine mehr als nachvollziebare Aktion des Zeltverleihers. Wer kann zu Kröbbelchen schon nein sagen? Erst recht in Kombination mit Kaltgetränken und Geselligkeit. Zu oft sollte man dann Kröbbelche aber auch nicht essen, empfiehlt Heinz. Das ganze Haus riecht danach nach Öl und es soll eine Leckerei bleiben. Somit schließt er die Forderung in Pauls Lied, es müsse mindestens sechsmal in der Woche Kröbbelche geben, aus, obwohl es natürlich Heinz Leibgericht ist und er im Gegensatz zu den Männern im Kröppelcheslied auch in der Lage ist, sich selbst welche zu backen. Während Paul mit Augenzwinkern den Nicht-Kröbbelche-Liebhabern das Dasein als Kottemer abspricht, geht Heinz noch weiter und empfiehlt scherzhaft, doch bitte aus Kottenheim wegzuziehen. Jetzt wisst ihr um den Stellenwert der Kröbbelche für den Kotteme.

4. Heiligkeiten und Kartoffelmangel

Beim Schälevent lässt sich gerne auch die örtliche Geistlichkeit blicken und packt mit an. Anschließend werden die Kartoffeln gewaschen, gemahlen und in einer Wäscheschleuder getrocknet, bevor sie nun gewürzt werden können. Mit was, verrät mir Heinz nicht. Salz, Eier plus das Küchengeheimnis grinst er. Ganz genau könnte er mir es eh nicht verraten. Das Rezept kennen immer nur die zwei oben erwähnten Frauen. Doch was passiert, wenn die Kartoffeln zwischendrin mal nicht reichen? Auch das kam schon vor...

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Die folgenden Seiten zeigen ein paar Fotos vergangener Kröbbelchesfeste, damit ihr einen kleinen bildlichen Eindruck vom Kottenheimer Kartoffelwahn habt.
Den Anfang macht Kröbbelino, den ihr im Hintergrund seht. Er ist das Maskottchen des Fests.

Da die Webseite keine Bildergaleriefunktion besitzt, bitte ich euch, für das Anschauen des jeweils nächsten Bildes nach unten zu scrollen. Viel Spaß bei den Fotos!
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Auch die Männer stehen am Herd und haben sichtlich Spaß dabei.
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Ob gold-gelb oder cross-braun, bei diesem Anblick läuft jedem Kotteme das Wasser im Munde zusammen.
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Klamauk vom Feinsten mit regelmäßigen Starauftritten wie u.a. dem stärksten Mann der Welt, den magievollsten Zauberern des Planeten u. vielen weiteren Acts zum Staunen, aber vor allem zum Lachen.
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Bei der Recherche bin ich im Bildarchiv des Verschönerungs- und Verkehrsvereins zu meiner Verwunderung auf dieses Bild gestoßen: Mein Zwillingsbruder (links) und meine Wenigkeit als Teilnehmer des Umzuges. Die Kröbbelinolatzhosen hat meine Oma genäht. 
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Der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Kurt Beck (mit gelber Krawatte) bei einem kühlen Stubbi zu Gast auf dem Kröbbelchesfest.
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Der Ritter im Wald

Der Ritter im Wald, in der Kirche, auf Brunnen, auf dem Liedheftcover. Wer mag dieser ominöse Mann sein und welche Heldentaten hat er vollbracht, dass er "überall" im Dorf sichtbar ist?

Das Cover des Liedheftes "Kotteme Lede" - Kottenheimer Lieder
Das Cover des Liedheftes "Kotteme Lede" - Kottenheimer Lieder
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Auf der rechten Seite sieht man das Cover des Liedheftes, welches den Ausgangspunkt meiner Arbeit bildet (das Liedheft, nicht das Cover). Einige Lieder aus dem Heft werden ja auf dieser Webseite behandelt, aber auch das Cover soll nicht zu kurz kommen. Hierauf sieht man die neogotische Pfarrkirche St. Nikolaus, die das Ortsbild maßgeblich prägt, sowie einen Ritter auf einem Sockel, an dem ein Wappenschild angelehnt ist. Das Wappen ist bis heute das Wappen Kottenheims, die sogennannte Lilienhaspel oder auch Glevenrad genannt. Dieses Wappen steht bewusst neben dem Ritter, Junker Konrad Schilling von Lahnstein ist auf dem Sockel zu lesen. Auf seine Familie ist dieses Wappen zurückzuführen. Doch wer ist dieser Mann mit Rüstung, Helmfederschmuck und Schwert?  Diese Frage wird im folgenden Video geklärt. 







 







Das Cover des Liedheftes "Kotteme Lede" - Kottenheimer Lieder
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Das Epitaph des Junkers in der Kirche.
Das Epitaph des Junkers in der Kirche.
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Ich habe euch am Ende des Videos das Grab des Junkers versprochen. Wenn ihr dort hinwollt, könnt ihr auf der Karte im Hauptmenü den Kreis "des Junkers letzte Bleibe" anklicken.

So, jetzt zur Frage, warum wird er nicht besungen?
Das ist eine sehr gute Frage. Ursels Vater Paul (siehe Kotteme Platt, Direkt unnesch Büde, Kröbbelcheslied, De Wingert) hat jedenfalls kein Lied über den Junker Schilling geschrieben. Ich habe im Zuge meiner Recherche auch kein Lied über den Junker Schilling gefunden. Doch Karl  (siehe Et äes mau off de Lay, Loss mer de Büde stohn) sagte kurz vor der Verabschiedung als ich bei ihm war, er habe eins über den Junker geschrieben und er wolle es mir raussuchen und hat damit meine ganze Annahme über den Haufen geworfen.

Also, es gibt es doch, ein Lied über den Junker Schilling! Hurra! Allerdings kann man denke ich problemlos festhalten, dass so beliebt wie der Junker Schilling in Kottenheim offenbar ist, so viele Darstellungen im und um den Ort von ihm existieren, so wenig wird ihm musikalisch gehuldigt. 
Das Epitaph des Junkers in der Kirche.
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Des Junkers letzte Bleibe

Die schilldernde Gestalt des Konrad Junker Schillings ist im Dorf verteilt in diverse Brunnen gemeißelt, sogar eine Straße ist nach ihm benannt. Sein Grab befindet sich ebenso in Kottenehim, in der Pfarrkirche St. Nikolaus. Scrollt runter zum Video, um zu sehen, was es mit Konrads Seelenheil und seiner verstümmelten Schamkapsel auf sich hat.
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De Wingert

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Übersetzung De Wingert

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1.Strophe:
Nirgendwo rundherum gibt es einen schöneren Platz, wo man so gemütlich geht und steht, wo man hingeht mit und ohne Schatz, wo man fertig wird mit Freud und Leid. Alles ist mit Hecken so schön abgeteilt, keiner stört dich dort in deiner Ruhe, willst du mal eine Stunde in eine andere Welt, rufe ich zu dir:

Refrain:
Lass uns noch ein bisschen in den Wingert gehen, da gibt es immer Spaß: Im Winter kann man so schön an den Hecken stehen, im Sommer legt man sich ins hohe Gras, im Frühjahr sucht man dann Veilchen und Schlüsselblumen, und Butterbrote rollt man so fein, (Botterämmches schippeln ist ein Kinderspiel, man rollt mit mehreren Leuten ineinander/übereinander wie ein belegtes Butterbrot den Hang runter) im Herbst da kann man prima an die Äpfel gehen, und von der Höhe sieht man manchmal noch den Rhein.

2.Strophe:
Wenn ein Kottenheimer Kind richtig laufen kann, läuft es in den Wingert mit Hurra; Räuber und Gendarm und Jäger spielt es dann, und im Heckenhaus Mann und Frau. Morgens vor der Schule schon auf dem Schulhof stehen sie da herum zu zweit zu dritt, jeder sagt dann zu seinem Schulschatz geh heute Nachmittag mit:

Refrain:
Lass uns noch ein bisschen in den Wingert gehen...

3.Strophe:
Und die Städter ärgern sich in einer Tour, dass sie keinen richtigen Wingert haben, Sichelsberg und Rabächer/Raubäcker und Galgenborn kommen an den Wingert längst nicht heran. All die Kottenheimer Ziegen und die Kottenheimer Kühe, Zicklein und Kälber im Gehege (Persch= eingezäunter Bereich,eingepferscht) wissen, dass es nirgendwo auf der Welt so schön ist wie auf dem Wingertsberg.

Refrain:
Lass uns noch ein bisschen in den Wingert gehen...
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2. Dorf und Stadt

Als Kind, wo die Dinge noch unbeschwerter waren, war Paul kurioserweise laut Ursel gar nicht so oft im Wingert. Seine Welt und sein Kinderspielplatz war eher Heppes (andrer schöner, grüner Ort in Kottenheim, mit Bach, „grüne Lunge“), da sein Elternhaus in der Nähe war. Ich frage Ursel, warum er dann dieses Lied über den Wingert geschrieben hat? Sie vermutet, Paul war es ein Bedürfnis, diese lauschigen Plätzchen im Ort zu haben, und so entstanden daraus Lieder wie dieses oder auch andere wie „Unnehollesch“. Durch die Wohnlage war der Kinderspielplatz aber auch schon vorbestimmt. Die Kinder gingen zu den Wiesen und Flächen spielen, die in ihrer Nähe waren. Denn Kottenheim war „zweigeteilt“, in „Dorf“ und „Stadt“:

3. Sticheleien

So möchte Paul mit der Zeile „Sechelsberg und Raabäche dippen an de Wingert längst net dran“ (Sichelsberg und Rabächer kommen an den Wingert längst nicht dran, aus der dritten Strophe) also den Städtern „eins auswischen“, wie Ursel mit breitem Grinsen erzählt. Und der nächste Gag folgt direkt, denn scheinbar gedeiht das Vieh im Wingert sogar besser:

4. Vajull un Schlösselblom

So prachtvoll blühende Weiden wie früher gibt es laut Ursel heute nicht mehr. Daran denkt sie vor allem beim Blumen pflücken mit ihren Enkeln und schwelgt dabei in Erinnerungen an die vergangene Blumenwelt des Wingerts, voll mit Veilchen und Schlüsseblumen, wie es Paul ja auch in der ersten Strophe beschreibt („Vajull und Schlösselblom“)

5. Spiel und Spaß im Wingert

Lang ist es her. Was es tatsächlich nie gegeben hat, ist der Rheinblick vom Wingert, auch das ein kleiner Jux Pauls. Ursel schätzt, dass hiermit „Kottenheim am Rhein“ ausgedrückt werden sollte. Was es aber wirklich gab: die Kinderspiele Räuber und Schandarm (Räuber und Gendarm), Botterämmches schippeln usw. Ersteres war eine Art Fangspiel, Mann und Fra/Mann und Frau ein Rollenspiel. Beim Botterämmches schippeln legte man sich aufeinander, um so gemeinsam den Berg herunterzurollen. Dabei heißt Botterämmches soviel wie Butterbrot. Auch die „Schulleschatz“-Verabredungen gab es so, bei der man sich für den Nachmittag im Wingert verabredete (Schulleschatz= in etwa die erste Liebe). Ob Paul Ursels Mutter in der Schule schon gerne sah, ist Ursel allerdings nicht bekannt.

1. Grübeln im Wingert

Das Lied entstand zwischen 1949 und 1952. Zu Pauls Zeiten war der Wingert kein Weinberg mehr, aber offensichtlich wie im Lied beschrieben, war es ein wunderbarer Ort. Der Wingert bestand laut Ursel aus einzelnen Stücken, Parzellierungen, die mit Hecken abgeteilt waren. Der Wingert war eine prächtige Spielwiese für die Kinder. Es gab aber auch unbeobachtete Stellen, wo man sich in Ruhe hinsetzen konnte und über sich und sein Leben oder wie es im Lied heißt „Freud und Leid“ nachdenken konnte. Ursel schätzt, dass Paul auch zum Grübeln das ein oder andere mal dort war. Er hatte sein Leben lang den Krieg zu verarbeiten, außerdem setzte er sich mit Glaubensfragen auseinander. Paul wollte die Dinge für sich auflösen und dahintersteigen. Bei den Themenfeldern Krieg und Glaubensfragen wohl ein Ding der Unmöglichkeit.

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Der Wingert, heute mit Streuobstbäumen bepflanzt und Büschen und Hecken zugewachsen, die ein Zuhause für u.a. Wildschweine bieten. Doch früher wurde er anders genutzt und auch anders wahrgenommen. Der Wingert, der Name sagt es schon, wurde zum Weinbau genutzt.

Bereits um die erste Jahrtausendwende existierte die Siedlung Cutenheim, die über die Ortsgrenzen hinaus für ihren Rotweinanbau bekannt war. Und so ist es kein Zufall, dass eine Urkunde des Trierer Bischofs Megingaud, die aus dem Zeitraum 1008-1015 stammt, den Kottenheimer Weinbau erwähnt: „(...), dass durch die Hand seines Vogtes Sigi Bodo dem St. Martins Stift im Gau Menivelt (Münstermaifeld) zu bestimmten Seelenmessen für sich, seine Eltern und seine beiden Brüder, sein Gut zu Cutenheim (Kottenheim), Mertlacha (Mertloch) und Alkena (Alken) – und zwar 12 Hufen Acker und Wingerte zu 13 Fuder (Ein Fuder = 960 L) – geschenkt wird.“ (S.95 1000 Jahr Buch)

Bischof Megingaud verschenkte also zum Seelenheil seiner Familie (und seinem eigenen) dem Stift St. Martin in Münstermaifeld Kottenheimer Weinanbauflächen und Rebstöcke. Das Datum der Urkunde gilt bis heute als Gründungsdatum Kottenheims. Hier wurde zum ersten Mal die Existenz Kottenheims dokumentiert oder es ist zumindest das älteste Schriftstück, was den Weg in die heutige Zeit überstanden hat. Als Jahreszahl wurde hierbei die 1008 gewählt, obwohl nicht genau nachzuweisen ist, aus welchem Jahr des Zeitraums 1008-15 die Urkunde nun stammt. Von diesem Zeitrahmen ist man aber überzeugt, da in diese Zeit das Pontifikat Mengigauds fällt.

Um einen weltlicheren Kontext herzustellen ein kleiner Exkurs zu Megingaud: Er war ein enger Vertrauter des Königs Heinrich II. Und so durfte Mengigaud auch der Weihe des Bamberger Doms im Jahr 1012 beiwohnen am Geburtstag des Königs. Zudem weihte er den linken Altar im Westen des Doms ein. Also, wenn ihr demnächst in Bamberg seid, denkt an Mengigaud und den Kottenheimer Wein.

Im Laufe des Mittelalters wurden die Weinfelder Kottenheims öfter erwähnt, so auch in einem Schriftstück aus dem Jahre 1327. Dort ging es in einem Schriftstück darum, dass der Erzbischof jährlich Wein aus Kottenheim erhält. Dieser Erzbischof hat dort den Namen Baldewin. Ich schließe daraus, dass es der gleiche Bischof Baldewin/ Balduin ist, der in den 1330er Jahren den einzigen Krieg in der Geschichte der Burg Eltz führte, die Eltzer Fehde, und diese auch für sich entscheiden konnte.

Doch nicht nur der Trierer Bischhof besaß Grundstücksanteile im Kottenheimer Wingert, auch berühmte Adelsgeschlechter wie die Familie von der Leyen (nicht verwandt mit Ursula von der Leyen) und der Graf von Metternich, den man aus dem Geschichtsunterricht wohl vom Wiener Kongress kennt oder im Supermarkt auf Sektflaschen findet. Der Weinbau im Wingert ging bereits im 18. Jahrhundert zurück, bis er schließlich ganz aus Kottenheim verschwand. An seine Stelle trat der Obstbau, um den sich in Kottenheim heute vor allem der Kotteme Streuobstwiesenverein liebevoll kümmert.

Vereinzelt lassen sich aber noch heute Spuren des Weinbaus vergangener Tage finden, der ein wichtiger Bestandteil des Kottenheimer Lebens neben dem Basaltabbau und der Landwirtschaft war.
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